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 „To empower the elderly!“, war Anna Halprins erklärtes Ziel, als sie mit einer grossen Gruppe von 65- bis 100-Jährigen an SENIORS ROCKING zu arbeiten begann.

Im Sommer 2005 rief sie mich plötzlich an und sagte: "Ruedi, ich gebe dir die Exklusivrechte für mein neues Stück SENIORS ROCKING - das Thema ist eine aktuelle Zeitbombe!"

Ich habe sofort eingewilligt, da ich Anna schon seit mehreren Jahren von meiner Idee überzeugen wollte, einen grösseren Film über ihr Leben zu machen. Ihre Idee, mit den Stereotypen des Altwerdens zu brechen und einer verstummenden Generation mit Bewegung zu einer Stimme zu verhelfen, fand ich schon sehr spannend. So öffnete mir dieses Stück die Augen zu einem sehr brisanten Thema.

Anna Halprin selbst ist ein sehr schönes Beispiel dafür, wie man alt werden und weiter kreativ sein kann und wie man auch in hohem Alter Ressourcen aktivieren kann. Sie lebt dies aber nicht nur selber, sie kann es auch in anderen aktivieren. Das ist gerade in diesem Projekt deutlich geworden und für mich und den Zuschauer sehr inspirierend.

Anna arbeitet sehr prozessorientiert und „workshopartig“. Eine grosse Herausforderung, dies filmisch umzusetzen und für die Zuschauer interessant zu machen. Ich wurde mir bewusst, dass man nur durch das genaue Hinschauen dieser feinen Abläufe die Essenz dieser Arbeit begreift. Deswegen mieteten wir sehr gute Kameras und einen grossen Jib Arm und begannen, diese feine Arbeit quasi unter dem Vergrösserungsglas anzuschauen.

Mit dieser Gruppe von rund 50 Nicht-Tänzern im Alter von 65 bis 100 Jahren trägt Anna einmal mehr den Tanz weg von den hochkarätigen Bühnen und professionellen schönen, jungen Tänzern zu uns allen, und sagt: „Tanz ist für uns alle da, überall und egal wie alt und in welcher Verfassung wir uns befinden.“ Daher gehört diese Arbeit in die Reihe ihrer Community Art oder Community Dances und ist eine eigene Kunstform geworden.

Anna hat Zeit ihres Lebens versucht, den Tanz neu zu definieren und ihn für alle zugänglich zu machen. Sie hat immer versucht, aus Tanz mehr zu machen als einfach nur Tanz.

Tanz ist in der Tat mehr als ein kulturelles Ereignis. Manche sagen, Tanz ist die Mutter aller Künste, da der Körper mit seiner Bewegung gleichzeitig Instrument und Ausdruck ist. Wir tragen sowohl sämtliche Ressourcen, Impulse und Motivationen zur Bewegung als auch  gleichzeitig deren Auswirkungen und den entstehenden Ausdruck vereint in uns. So bereichern sie sich im gegenseitigen Zusammenspiel zu einem urmenschlichen Ausdrucksmittel, eben dem Tanz.

Anna versuchte in ihren Arbeiten immer, ihr persönliches Leben über ihre Mitperformer oder Workshopteilnehmer auszuloten. Im Alter von 86 Jahren war verständlicherweise die Frage nach ihrer eigenen Legacy sehr aktuell: „Was hinterlasse ich als Tänzerin, als Performerin?  Mit meinem Körper ist auch meine ganze Kunst weg. Ein Maler, ein Komponist hinterlässt ein Werk, das länger erhalten bleibt. Was kann diese Legacy für mich sein?“

Anna wollte gemeinsam mit Gleichaltrigen in dieser Performance ihre eigene Legacy formulieren. Sie hat dabei alle Teilnehmer von SENIORS ROCKING gefragt, was denn für sie das Wichtigste im Leben sei: „Was wollt ihr weitergeben? Es soll nicht die Frage nach dem Geld sein oder wann es Zeit ist zu gehen. Nein, was ich meine ist: Was ist die Erfahrung deines Herzens, die du an deine Nachkommen und Freunde weitergeben willst? Von welchen Erlebnissen und Erfahrungen in deinem Leben wünschst du, dass auch deine Mitmenschen oder Nachkommen sie erleben können?“

Diese Messages zusammen mit den Ideen und Wünschen der Teilnehmer hat Anna zu einem eigenen Kunstwerk zusammengefügt, immer getreu ihrer eigenen Ästhetik, die Grenzlinie zwischen Kunst und Leben auszuloten, um dabei den persönlichen und grossen Lebensfragen nachzugehen.

Für mich war ihre Frage nach der Hinterlassenschaft ein Zeichen. Ich erklärte ihr von Neuem mein Vorhaben, einen Film über ihr ganzes Leben zu machen und ihre Legacy so festzuhalten. Endlich fand sie Gefallen an meiner Idee. So ist der Film BREATH MADE VISIBLE entstanden.